Werbung auf Uniwebsites?

Sven Köppel Dienstag 27. September 2016

Das Anzeigen von Werbung auf gut frequentierten Webseiten wie der Homepage der Goethe-Universität ist eine Fundgrube, um zusätzliche Einnahmen zu generieren, die etwa direkt dort ausgegeben werden können, wo sie anfallen und dringend nötig sind: Beim chronisch unterfinanzierten Hochschulrechenzentrum. Aber für welchen Preis wird die Sicherheit der Seitenbesucher und die Unabhängigkeit der Universität verkauft?

Werbung macht auch vor der Universität nicht halt: Die Goethe-Universität ist deutschlandweit Vorreiter mit 390.000EUR jährlichen Einnahmen durch die Vermietung von Plakatflächen und Genehmigung von Promotionsaktionen auf den Unicampi, wie der Spiegel vor wenigen Tagen in seinem Artikel Sie wollen was kostenlos? Unterschreiben Sie hier! berichtete. Wie häufig entbrennte darauf eine intensive Diskussion in der größten Facebook-Gruppe der Goethe-Universität (12.000 Mitglieder). Was darf die Uni, was nicht?

Als langjährige studentische eLearning-Abteilung an der Goethe-Universität betrachten wir den Bereich der Onlinewerbung, also eingeblendeten Bannern und bunten Klickflächen mit Skepsis. Man muss schon seinen Adblocker ausschalten, um zu sehen, was seit Jahren auf der vom HRZ gewarteten Zentralhomepage aktiv geschaltet ist: Blinkende Werbung.

Werbung im Web ist in den letzten Jahren zusehends zu einem unkontrollierbaren Moloch geworden. Das Problem ist vor allem technischer Natur: Seitenbetreiber (wie das HRZ) erlauben es fremden Anbietern (etwa einer Werbefirma), beliebige aktive Inhalte in ihre Webseiten einzubetten. Dabei handelt es sich in aller Regel um kleine Programme in der Programmiersprache JavaScript, die mit der Werbefirma oder sogar weiteren Fremdfirmen einen versteckten Kommunikationskanal aufbauen, um die Aktivitäten des Besuchers auf der Homepage der Goethe-Universität zu überwachen und zu protokollieren. Diese Telemetriedaten sind erheblich wertvoller als der bloße Klick auf den Banner -- sie sind einer der Bausteine in der Überwachungswelt, an deren Aufbau wir seit Jahren fleißig partizipieren. Das eben skizzierte Horrorszenario ist keineswegs frei erfunden, sondern durch regelmäßig aufkommende Zeitungsberichte belegt. Besonders grotesk wird es, wenn die Programme der Werbefirmen Sicherheitslücken ausnutzen, um Surfer noch umfassender ausspionieren zu können (etwa jüngst: AVG verkauft Browsergeschichte). Längst haben die leichtsinnig adaptierten Techniken zur Werbeeinblendung den virenverseuchten Anhang einer Spam-E-Mail als Einfallstor für Schadsoftware ersetzt. In einer Post-Edward-Snowden-Zeit, in der sogar nationalstaatlich betriebene Wirtschaftsspionage (etwa von befreundeten Staaten wie der USA) bekannt ist und keine Hoffnung besteht, vom eigenen Staat und seinen Geheimdiensten geschützt zu werden, muss höchste Sensibilität für Sicherheitslücken auf Universitätscomputern herrschen, auf denen unveröffentlichte Forschungsergebnisse gelagert sind. Die Grundweisheit der Internetökonomie "Wenn es dich nichts kostet, bist du das Produkt" (so formuliert von der ZEIT: Das Produkt bist du) frisst ihre Kinder: Sicherheitsexperten empfehlen längst die Installation eines Adblockers nicht zum Zweck des Ausblendens von Werbung, sondern als grundlegende Sicherheitsmaßnahme gegen schädliche Programme im Browser.

Die Realität um die Werbekultur im Internet ist aber noch dramatischer: Analytiker berichten von einer Spekulationsblase, die zu platzen droht. Die Firmen, die auf einem jahrelang angelegten Datenhaufen an Statistiken über Individuen auf der ganzen Welt sitzen, drohen pleite zu gehen und mit ihnen die ohenhin marode Datensicherheit. Die Frage "Have I been powned" dürfte bald vielen eine unangenehm duftende Datenspur in ihre Vergangenheit bereiten.

Aus diesem Grund muss sich jeder Werbetreibende fragen, ob Werbung moralisch verantwortlich ist. Eine besondere moralische Verantwortung kommen aus öffentlicher Hand finanzierten Institutionen wie der Goethe-Universität zu. Bildungsuniversitäten sind die Dinosaurier des Internets, schon in der Frühzeit vernetzt und Vorreiter in der Adaption des World Wide Webs. Wer sich als Universität am Ausverkauf des Webs beteiligt, verliert am Ende beides: Vorbildfunktion und freie Forschung.

Dieser Blogeintrag wurde auch veröffentlicht auf dem SeLF-Blog von Studiumdigitale.


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